von Dr. Jens Hinkmann, Köln
"Die Beziehung von Körper und Ich ist vielleicht der mysteriöseste Komplex unserer gelebten Existenz oder, wenn man es lieber will: unserer Subjektivität oder unseres Für-sich-Seins. Wir sind unseres Leibes nicht gewahr im Alltag. Er ist unserem In-der-Welt-Sein ein zu Vernachlässigendes, man spricht kaum von ihm, denkt seiner nicht." (nach Jean Amery: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod)
Die Subjektivität des Beobachters setzt eine Vernachlässigung der eigenen Körperlichkeit voraus, die den Rahmen des Bewußten nicht überschreiten darf, um existieren zu können. Der Beobachter nimmt sich selbst nicht als solcher wahr, um beobachten zu können. Ein In-eins-Fallen des Beobachters und des Beobachteten, wie es sich zwangsläufig ergibt durch die Beobachtung eines Portraits des Beobachters, verletzt diese Bedingung der Möglichkeit der Beobachtung. Das Subjekt wird dazu gezwungen, sich selbst zu setzen.
Im Alltag bedarf das Ich keiner Körperlichkeit, es reflektiert nicht auf seine eigene Existenz, sondern setzt diese voraus. Das Betrachten des eigenen Portraits zwingt das Ich, zu eben dieser stillschweigend vorausgesetzten und immer schon mitgedachten Körperlichkeit Stellung zu nehmen. Im vorbewussten Dahingleiten kann eine fragile, aber als Provisorium prästabilisierte Einheit von Ich und Körper rekonstruiert werden, die schon dadurch zerbrechen würde, dass man sie in diesem Zustand als solche benennt. Die Gefährdung der Einheit manifestiert sich im Bewußtwerden eines möglichen Trennungsschmerzes. Das alltägliche Handeln ohne Spiegel wird unmöglich durch dieses mögliche Getrenntsein.
Ein Innehalten, ein Zurückzucken angesichts der ureigenen Körperlichkeit, des Beobachtens des Beobachteten, schreckt das Subjekt auf. Die mögliche Leere, die fehlende Fülle, der horror vacui, lässt das Ich alleine zurück. Es bedarf einer bewussten Anstrengung, sich des Zusammenhalts von Ich und Körper wieder zu versichern. Die Welt ist mit einem Mal nicht mehr selbstverständlich gegeben, sondern muß als solche dem Subjekt aufs Neue angeeignet werden. Eine bewusste Eroberungsleistung, die doch niemals die vorbewußte Harmonie des selbstverständlichen In-eins-Fallens von Ich und Körper zu ersetzen in der Lage sein wird.
Der objektivierbare wissenschaftlich-psychologische Zugang zur Welt, der diese als mittelbar gegebenes und zu gestaltendes Objekt begreift, kann nicht mehr hintergangen werden, wenn er einmal vom Subjekt Besitz ergriffen hat. Die ureigene Aufgabe des Schaffenden, auf dem subjektiven, nichtwissenschaftlichen und phänomenologisch orientierten Zugang zur Welt zu beharren, ähnelt dem vergeblichen Suchen nach dem verlorenen Paradies. Doch nur der stetig wiederholte Versuch im Bewußtsein des notwendigen Scheiterns rechtfertigt die Existenz des Schaffenden, als Suche nach einem unmittelbaren Zugang zur Welt, der zumindest die Möglichkeit erahnen lässt, dass eine verlorengegangene Einheit von Ich und Körper eines Tages wieder gelebt werden kann.
In diesem scheinbar paradoxen Sinne stiftet sie sich selbst ihren Sinn und verhilft dem beobachtenden Subjekt zur Möglichkeit der Vereinigung mit dem Beobachteten. Das Antlitz des Beobachters wird durch den Moment des Auf-das-Photo-gebannt-werdens transzendiert. Das Subjekt kann sich seine Welt erneut und auf neue Art und Weise aneigenen, indem es sich setzt als Beobachter und Beobachtetes zugleich.